von Stefanie Grötzner

Kapitel 1

Das mit dem Vorstadtleben ist schon seltsam. Es vermittelt einem das Gefühl von Sicherheit und Geheimnisfreiheit. Doch diese Sicherheit ist trügerisch, denn wie gut kennen wir unsere Nachbarn wirklich? Wir glauben, nur, weil wir nicht in einem anonymen Block in einer Großstadt leben und die Namen und Gesichter unserer Nachbarn kennen, dass das Leben sicherer ist. Doch wer weiß, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht? Was sich wirklich hinter den akkuraten Vorgärten versteckt?

Nehmen wir die Nachbarin, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem schönen, kleinen beschaulichen Häuschen wohnt. Der Vorgarten und der Garten hinter dem Haus sind ordentlich gepflegt. Kein Unkraut darf sich hier einnisten. Es würde sofort herausgezogen und entsorgt. Doch was geht hier hinter verschlossenen Türen vor? Wochen- sogar monatelang wohnt nur einer der Ehepartner in diesem Haus. Meistens ist dies im Herbst/Winter soweit. Beide arbeiten in der Stadt. Keiner muss beruflich länger von zuhause fernbleiben. Der ausgezogene Partner mietet eine Wohnung in der Stadt. Besuche finden statt, das können die Nachbarn an den Autos vor der Haustüre sehen, doch keiner hört und sieht, was hinter diesen Türen vor sich geht.

Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Sommer ankündigen, kehren beide Ehegatten in das Familienheim zurück. Alle Nachbarn beobachten das Schauspiel, doch keiner würde fragen, was dort los ist. Tun doch auch die beiden Ehegatten so, als wäre alles perfekt und sie würden eine normale Ehe führen.

Oder nehmen wir den Nachbarn, der eine Firma führt, von der alle aufgrund der vielen Angestellten und Fahrzeuge davon ausgehen, dass sie gut läuft. Er hat eine Firma, ein Haus, eine Familie. Alle gehen davon aus, dass er ein gutes Leben hat. Kaum einer nimmt wahr, wie komisch sein Auto vor der Haustüre geparkt ist. Wie häufig er nicht gehend, sondern mehr kriechend zur Wohnungstür gelangt. Vielen fällt seine verwaschene Ausspräche entweder nicht auf, weil sie schleichend eintrat, oder sie ignorieren die Anzeichen. Er hat doch alles, was man braucht, um glücklich zu sein. So einer kann kein Alkoholiker sein. Er ist schließlich ein netter Nachbar.

Zur Erheiterung trägt eine weitere Nachbarin bei, die, sobald die Familie aus dem Haus ist, die Musikanlage so weit aufdreht, wie es möglich scheint. Alle Nachbarn können nicht nur die Musik hören, sie wissen auch: Die Show beginnt. Tanzend vor den großen Küchenfenstern, im Garten, an der Wäschestange, mit Kleidung oder ohne. Sie lässt sich oft etwas Neues einfallen. Ob sie dies für sich oder für andere tut, wird ihr Geheimnis bleiben.

Das Leben in der Vorstadt hält viele unterschiedliche Menschen und Geschichten bereit.

Kapitel 2

Was war es für eine Aufregung und ein Getuschel, als das neue Paar in die Dorfstraße einzog. Ein junges Pärchen, das an den Wochenenden selten zuhause war und wenn es doch einmal ein Wochenende zuhause war, dann war ein anderer junger Mann übers Wochenende dort. Die Nachbarn tuschelten und stellten Vermutungen an. Geschichten und Gerüchte verbreiteten sich, bis einer der ruhigeren älteren Nachbarn sich ein Herz fasste. Er sprach die junge Frau direkt an, wie das Leben zu dritt so sei. Erst jetzt erkannte die junge Frau, was die Nachbarn über die drei dachten. Nach einem herzlichen Lachanfall stellte sie die Situation klar. Sie bemerkte zwar, wie unangenehm dem Nachbarn seine Mutmaßung war, doch sie nahm es mit Humor. Seine Äußerung, dass man sich nicht so viel Gedanken um das Leben anderer Menschen machen sollte, tat sie mit einem Lächeln ab.

Was jedoch keiner in dieser Vorstadt ahnte war, dass die nette Hausfrau, der sie alle vertrauten, die geduldig Pakete für die arbeitenden Nachbarn annahm, derer sie ihre Geheimnisse anvertrauten, jedes Detail in ein Tagebuch aufschrieb. Ein Tagebuch, welches bereits einen beträchtlichen Umfang hatte und in dem mehr Geheimnisse standen, als die Nachbarn ahnen konnten. Wer den ganzen Tag zuhause war und sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte, bekam mehr mit, als vielen der Nachbarn lieb gewesen wäre. Warum sie dieses Tagebuch schrieb, wusste die Hausfrau selbst nicht. Vielleicht, weil sie so das Gefühl hatte, ein aufregenderes Leben zu haben, als sie es tatsächlich hatte.

Begonnen hatte sie mit dem Tagebuch an einem schönen Sommertag. Sie saß mit einem Kaffee auf ihrer Terrasse und genoss die wenigen Minuten, in denen die Waschmaschine noch lief, das Haus schon geputzt war und keiner zuhause war. Sie blickte über die niedrigen Zäune der Nachbarschaft und sah den Nachbarn drei Gärten weiter durch seinen Garten streifen. An sich war dies nicht ungewöhnlich. Die Uhrzeit sprach dafür, dass er Urlaub hatte. Sie gönnte es ihm. Am Ende des Gartens gab es ein kleines Mäuerchen zum angrenzenden Grundstück. Behende sprang er hinüber und verschwand im Haus der Nachbarn.

Ihre Neugier war geweckt. Immerhin arbeiteten auch diese Nachbarn Vollzeit und die Kinder mussten in der Schule sein. Sie reckte den Kopf in die Höhe und entdeckte, dass das Auto der Nachbarin in der Einfahrt stand. Auch diese hatte dann wohl Urlaub. Zunächst dachte sie sich nichts dabei und trank weiter ihren Kaffee. Erst als der Nachbar mit zerzaustem Haar das Haus eine halbe Stunde später wieder verließ, während sie im Garten die Wäsche aufhängte, dachte sie sich ihren Teil.

Als die Kinder im Bett waren und ihr Mann mit einem Bier vor dem Fernseher saß, zog sie ein altes leeres Notizbuch hervor und entschied, diese Beobachtung aufzuschreiben. Vielleicht konnte sie später kreativ sein und sich eine Geschichte dazu ausdenken.


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