von Stefanie Grötzner
Prolog
Was hat sie sich nur dabei gedacht? Ja, er hatte ihr das Herz gebrochen und sie hatte das Gefühl, ihr ganzes Leben wäre vorbei, aber sie hätte sich nicht gleich für ein Auslandssemester bewerben müssen. Noch dazu in einem Land, dessen Sprache sie gar nicht beherrschte. Sie hätte auch nach England gehen könne, wo sie wenigstens in der Lage gewesen wäre ein normales Gespräch zu führen. Nun saß sie allein im Flieger Richtung Kanaren, um dort ein ganzes Semester zu studieren. Ein Kurs an der Volkshochschule sollte ihr das erste Wissen in spanischer Sprache vermitteln, aber sie hatte nicht das Gefühl, dass es wirklich etwas gebracht hatte. Außerdem hatte sie keine Ahnung von Fachwörtern, wie sollte sie da studieren können?
Der erste Impuls war einfach wegzulaufen als er ihr das Herz gebrochen hatte, doch nun, da sie im Flieger saß wusste sie, dass es keine Lösung war, denn ihr Herz würde nicht heilen, nur, weil sie sich auf einem anderen Kontinent als er aufhalten würde. Sie fühlte sich allein, obwohl der Flieger voll besetzt war. Noch immer verstand sie nicht, was schiefgelaufen war. Während sie dachte, dass ihr Leben perfekt war und alles gut lief, sah er es ganz anders.
Sie hielt sich selbst nicht für perfekt, aber ihr Leben war es gewesen. Dachte sie zumindest. Sie hielt sich nicht für besonders hübsch, doch deswegen hatte er sich nicht von ihr getrennt. Sie war 1,65 m groß, blond und hatte blaue Augen. Die Idealmaße, von dem angeblich jeder Mann träumte hatte sie nicht. Aus Spaß hatte sie einmal mit einer Freundin nachgemessen. Während ihre Freundin bei allen Maßen unter den Werten lag, lag sie bei Hüfte und Brüsten darüber und ihre Taille war zu schmal. Da sich die Maße durch Diäten und Sport nicht änderten, ließ sie es bleiben und nahm es als gegeben hin.
Nein, er hatte sie ohnehin nicht wegen ihres Aussehens verlassen, sondern weil sie ihm zu schlau war. Sie war wie vom Donner gerührt, als er ihr eröffnete, dass er mit ihr nicht mehr zusammen sein wollte, weil sie studierte und er nicht mehr wie mit einem normalen Menschen reden könne. Er hätte eine andere Frau kennengelernt, die wisse, wie das Leben funktioniere. Sie lebe schon seit zwei Jahren vom Amt und er hätte seinen Job im Supermarkt jetzt auch gekündigt und ziehe nach seinem Anspruch auf Arbeitslosengeld bei ihr ein.
Sie war einfach sprachlos gewesen und war es auch noch bei der Erinnerung daran. Nach seinen Worten war er einfach gegangen. Sie hatten nicht zusammengewohnt und er hatte seine Sachen einfach in ihrer Wohnung gelassen. Er hatte sie einfach so zurückgelassen. Es hatte gedauert, bis ihr Hirn die Informationen verarbeitet hatte, die er ihr vorgeworfen hatte wie ein Zoowärter einem Löwen ein Stück Fleisch.
Wie in Trance war sie aufgestanden und dem Rat ihres Professors vom Vortag gefolgt und sich für ein Semester auf den Kanaren angemeldet. Sie hatte sich spontan entschieden, weil das nächste Semester ein Wintersemester war und sich eine warme Gegend daher anbot. Hätte sie auch nur einen Moment logisch gedacht, hätte sie sich sicher nicht so entschieden, doch wie hätte sie das erklären sollen? Es gab kein Zurück mehr.
Es dauerte weitere drei Tage bis sie wirklich verstanden hatte, was seine Worte bedeuten und sie verbrachte zwei Wochen weinend im Bett und nun saß sie, Marie, deren Leben sonst einen Plan hatte, hier im Flieger in ein neues Leben zumindest in ein neues Leben auf Zeit und ohne Plan.
Kapitel 1
Zwei Monate lebt sie nun schon hier im Paradies, wie es ihre Familie beschreibt. Hin und wieder mag es so sein, doch, wenn man hier lebt, erkennt man auch die Schattenseiten der schönen Sonneninsel. Die erste Kakerlake war so lang wie ihr Zeigefinger und sie wäre am liebsten aus dem Zimmer gelaufen, doch sie saß gerade auf der Toilette und die Kakerlake saß im Türrahmen und versperrte somit den einzigen Ausgang. Immerhin, so versuchte sie es selbst mit Humor zu nehmen, konnte sie sich vor Angst nicht in die Hose machen, denn die war ja heruntergelassen, da sie gerade auf der Toilette saß.
Als die Kakerlake sie anscheinend genügend beobachtet hatte und ihren Weg durch die Decke auf das Dach fortgesetzt hatte, konnte sie das Bad verlassen und das Internet zu Kakerlaken befragen. Hätte sie diesen Fehler mal lieber nicht gemacht. Eigentlich hatte sie es nur getan, weil sie von einem ihrer italienischen Kommilitonen gehört hatte, dass man auf keinen Fall auf eine Kakerlake treten dürfe. Sie war sich nicht sicher, ob ihr spanisch einfach noch zu schlecht war oder er sich einfach irrte. Warum sollte man auf so ein Tier nicht darauf treten dürfen, um es zu töten? Er konnte keine Erklärung liefern und so sah sie es schlicht als falsch an, doch das Internet lieferte nicht nur die Antwort auf die Frage, sondern noch mehr Informationen.
Kakerlaken tragen ihr Eierpaket auf dem Rücken und wenn man auf die Kakerlake tritt, bleibt es am Schuh kleben. Wenn man dann weiter seiner Wege geht, verteilt man die Eier weiter. Die Eier gehen aber nicht kaputt, so dass die neuen Kakerlaken überall verteilt werden. Schlimmer jedoch waren die Informationen, dass Kakerlaken ihre vielen Beine so schnell bewegen, dass ein Mensch es im Schlaf nicht spürt, wenn sie über einen laufen und Kakerlaken auch keine Angst davor haben, über einen Menschen zu laufen. Die nächsten Nächte wurden daraufhin keine ruhigen Nächte. Förderlich für einen gesunden Schlaf war auch nicht die Information, dass man eine Kakerlake in der Wohnung erst dann sieht, wenn alle dunklen Ort hinter den Möbeln voll belegt mit Kakerlaken sind.
Nun aber hatte sie sich auch damit abgefunden, auch wenn sie es noch immer schüttelte, wenn eines dieser Tiere sich in ihrer Wohnung blicken ließ. Es war nun einmal wie es ist. Jedes Paradies hat seine Schattenseiten. Ebenso die Lebensmittel, die für die Touristen vom Festland eingeflogen wurden, jedoch nicht für die Einheimischen und somit von ganz anderer Qualität waren. Dies würden viele der Touristen jedoch nie wissen und es würde sie auch nicht interessieren, wohnten sie doch meistens nur im Süden der Insel.
Doch so langsam fügte sie sich ein ins Leben unter den Palmen. Das Studium nahm sie genau so wenig ernst wie ihre Professoren, die sie nunmehr am Strand und nicht mehr an der Uni traf. Für ihren Studiengang konnte sie keine credit points Sammeln und für ihr Programm musste sie lediglich den Sprachkurs besuchen. Nachdem sie die letzten zwei Monate immer umsonst zur Uni mit dem Bus gefahren war, in dem es wegen der geöffneten Fenster unheimlich zog und ihr schon den einen oder anderen Schnupfen beschert hatte, hatte sie es nun satt.
Heute beschließt sie, den ersten Tag zu schwänzen. Ihr Mitbewohner hat Urlaub und geht mit seinem Chef, der nur zwei Jahre älter ist als sie Beide an den Strand und hat gefragt, ob sie mitkommt. Noch nie hat sie auch nur eine Unterrichtsstunde geschwänzt und ein komisches Gefühl in ihrem Bauch macht sich breit, doch sie kämpft dagegen an. Ihr Kopf sagt ihr, dass es richtig ist. Sie ist alt genug, diese Entscheidung zu treffen und wie oft möchte sie noch Geld für den Bus bezahlen, nur um dann an der Uni zu erfahren, dass die Vorlesungen erneut ausfallen, weil der Professor angeblich erkrankt sei, nur um ihn dann am Strand zu treffen?
Nein, sagt sie zu sich selbst, heute ist der erste Tag vom Rest ihres Lebens. Schließlich war sie doch hergekommen um ein neues Leben zu beginnen und das sollte doch nicht nur darin bestehen, dass „er“ nicht mehr in ihrem Leben sein würde, oder?
Kapitel 2
Zusammen mit Mateo, der trotz seines Namens ebenfalls Deutscher ist, macht sie sich nach einem späten Frühstück auf den kurzen Weg zum Strand. Die Wohnung hatte sie während ihres dreiwöchigen Einführungskurses über Mundpropaganda gefunden. Mateo arbeitet für eine deutsche Firma ein Jahr lang hier, um seinen Lebenslauf aufzupolieren, wie er es nannte. Sein spanisch war auch nach einem dreiviertel Jahr noch nicht vorhanden, doch das schien ihn nicht im Geringsten zu stören.
Die Wohnung bestand aus einem großen Wohnzimmer, einem langen Flur, einem kleinen Bad mit Dusche, einer großzügigen Küche, einem Balkon und vier Zimmern, die jeweils einzeln vermietet wurden. Hinzu kam, dass auch das Dach mit einem kleinen Verschlag verbaut war, welcher vermietet wurde und dessen Mieter Bad und Küche der Wohnung mitbenutzte.
Derzeit besteht die kleine WG aus Mateo, Angela, Miguel, José und ihr selbst. Angela ist gerade erst am Morgen eingezogen und so konnte sie am Abend zuvor in das größere Zimmer neben dem Wohnzimmer einziehen mit dem Fenster zum Innenhof. Sie hat Angela noch nicht getroffen, aber Mateo sagt, sie sei nett. Das Problem ist, dass Mateo das über jeden Menschen sagt.
Miguel ist aus Argentinien und ein bisschen verplant. Er spricht spanisch und ein paar Broken englisch, so dass die meiste Kommunikation über sie läuft und oft zu komischen Missverständnissen zwischen Mateo und Miguel kommt. Aber sie verstehen sich sonst gut. Miguel ist kaum zuhause. Meistens ist er mit Freunden unterwegs, die keiner von ihnen bisher gesehen hat oder surft am Strand, wo er bereits in der ersten Woche drei seiner Zimmerschlüssel und Wohnungsschlüssel verloren hat, so dass er nunmehr beides nicht mehr mitnimmt, sondern immer hofft, dass ihn abends einer der Mitbewohner ins Haus lässt.
José ist der Sohn einer Deutschen und eines Mallorquiners, so dass er zweisprachig aufgewachsen ist. Er liebt es, auf dem Dach zu wohnen, denn er kann er unter freiem Himmel schlafen und die Sterne sehen. Was genau er den Tag über so treibt, hat sie noch nicht herausgefunden, aber noch war sie ja auch mit dem Versuch, ein ernsthaftes Studium zu betreiben, beschäftigt. Das wird sich nun ja ändern und José ist schließlich einer der süßesten jungen Männer, der ihr seid ihrer Ankunft begegnet ist.
Am Strand wartet Karl bereits auf sie und Mateo. Er sieht gut aus in seiner Badeshorts, die locker auf seinen Hüften sitzt. Ihr war bisher gar nicht aufgefallen, dass er so durchtrainiert ist. Wieso war ihr bisher überhaupt nicht aufgefallen, wie gut er aussah. Seine dunkle Sonnenbrille verbirgt seine Augen, doch sie erkennt an seinen Mundwinkeln, dass er versucht ein Lächeln zu unterdrücken, um einen coolen Gesichtsausdruck zu bewahren. Sie muss sich beherrschen, um nur innerlich den Kopf zu schütteln. Warum müssen Männer vor anderen Männern immer nur so cool sein?
Genau so cool schlagen die Männer ein und nun kann sie ein Kopfschütteln nicht mehr unterdrücken.
Sie folgt den Männern die kleine Rampe hinunter zum Strand, wo sie anscheinend zielsicher ein Plätzchen ansteuern, als wäre es irgendwie markiert. Sie schaut sich um, doch sie kann nichts erkennen, was diesen Ort von allen anderen unterscheidet. Achselzuckend breitet sie ihr Handtuch neben dem der beiden Männer aus.
Während die beiden Männer sorglos die Shirts über die Köpfe ziehen, wird sie nun verlegen. Sie trägt zwar nur knappe Shorts und ein Tank-Top, doch wenn sie das jetzt auszieht, steht sie hier nur im Bikini, der wirklich sehr knapp ist. Vielleicht hätte sie sich doch einen Badeanzug kaufen sollen, überlegt sie. Die Überlegung ist nun zu spät, schimpft sie mit sich selbst.
Karl dreht sich zu ihr um und scheint ihr Zögern zu merken. Er zieht eine Augenbraue unter seiner schwarzen Sonnenbrille so hoch, dass sie über dem Rand der Sonnenbrille hervorragt. Sie tut betont lässig, als würde sie auf das Meer sehen und die Wellen beobachten.
„Wer cremt mich denn jetzt ein?“ fragt sie, bevor sie weiter darüber nachdenken kann. Die Männer werfen sich einen grinsenden Blick zu und stellen sich einander gegenüber. Sie traut ihren Augen kaum, als sie sieht, dass sie nun tatsächlich Stein-Papier, Schwere spielen.
Sie nutzt die Chance, aus ihren Shorts und dem Top zu schlüpfen und sich auf den Bauch zu legen. Sie holt aus ihrer Tasche die Sonnencreme und wartet, bis die Jungs fertig sind. Sie ist sich nicht sicher, wer nun gewonnen hat, aber eingecremt wird sie nun Karl.
Ohne Vorwarnung spritzt er ihr die kalte Sonnencreme auf den Rücken, verreibt sie dann jedoch so schnell mit seinen starken Händen, die sich unglaublich gut auf ihrer Haut anfühlen, dass sie eigentlich nicht möchte, dass es aufhört.
„Vorne auch,“ fragt er mit einem derart süffisanten Unterton, dass sie ihm am Liebsten eine Hand voll Sand in sein Gesicht geschleudert hätte.
„Nein danke, dass schaffe ich schon allein,“ gibt sie nur zurück, ohne den Kopf zu heben. „Aber du brauchst definitiv eine Abkühlung.“
„Da hast du Recht,“ sagt er und drückt sich kurz an sie. Sie ist sich nicht sicher, was das gerade war. Das war doch keine Erektion, oder? Unmöglich, denkt sie. Er hat ihr nur den Rücken eingecremt und sein Angestellter oder Untergebener saß die ganze Zeit daneben. Nein, das war irgendwas Anderes. Er wollte sie nur ärgern. Sie dreht den Kopf um zu sehen, wie die beiden Männer zum Wasser gehen. Neben ihr auf seinem Handtuch liegt seine Sonnenbrille. Er dreht noch einmal den Kopf und zwinkert ihr zu.






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