von Stefanie Grötzner
Kapitel 1
„Ich weiß, es ist nicht besonders groß, sagt der Makler, aber es ist so wie sie es wollten.“
Sie schreitet mit großen Schritten durch das Wohnzimmer mit den Fenstern zum Hof. Das Licht fällt in einem Strahl hinein. Der Staub tanzt darin. Die Möbel sind mit weißen Tüchern abgedeckt. Die Wände sind weiß und kahl.
„Die Möbel können übernommen werden, wenn Sie es wünschen,“ erklärt der Makler weiter und zieht ein Tuch von einem der Sofas. Sie wendet den Blick nicht vom Fenster ab, sondern nickt nur. „Bei dem Preis können wir sicher noch etwas machen, wenn Ihnen die Wohnung zu teuer ist. Die Vorbesitzer möchten sehr gerne verkaufen,“ versucht er weiter, sie von der Wohnung zu überzeugen.
Sie dreht sich so abrupt um, dass der Makler vor Schreck zusammenzuckt. „Ich nehme sie. Geld spielt keine Rolle.“
Das Lächeln, welches sich nun auf seinem Gesicht ausbreitet verrät viel über ihn. Seine Habgier und seine Verschlagenheit spiegeln sich unverkennbar darin. Sicher wäre am Preis noch etwas zu machen und es würde den Vorbesitzern nicht schaden, wenn sie weniger für ihre Wohnung bekämen, aber erstens müsste sie sich dann weiter mit diesem schmierigen Typen abgeben, der nichts unversucht lässt, um sie anzufassen und zweitens sollen die Vorbesitzer ruhig sehen, dass für sie Geld keine Rolle spielt.
„Und die Möbel?“ fragt er und sie hört seine Hoffnung auf noch mehr Geld mitschwingen. Seine Provision richtet sich nach dem Gesamtverkaufspreis und inklusive Möbel wäre dieser höher.
„Darüber möchte ich noch einmal nachdenken,“ gibt sie zurück. Sie genießt das leichte Zucken in seinem Augenwinkel, das ihr verrät, dass es ihm nicht recht ist. Er muss aber so tun, als wäre es so, denn sie ist die zahlende Kundin und er möchte sie sicher nicht verprellen.
„Die Nachbarn sind wirklich sehr nett,“ fährt er fort und bietet ihr an: „Ich kann Sie gerne vorstellen.“ Der zweideutige Unterton in seiner Stimme jagt ihr einen Schauer über den Rücken.
„Das wird nicht nötig sein,“ gibt sie in neutralem Ton zurück. „Ich werde eine Einweihungsfeier geben, bei der ich mich selbst vorstellen werde.“ Er nickt und schaut sie erwartungsvoll an. Sie wendet sich wieder ab und schaut aus dem Fenster. Auf keinen Fall wird sie ihn zu ihrer Feier einladen. Er ist nicht nur einer der unsympathischsten Männer, die ihr je begegnet sind, sie hat auf der Feier auch wichtigere Dinge zu erledigen, als sich um einen notgeilen Mann zu kümmern.
„Wann kann ich einziehen,“ fragt sie, ihm noch immer den Rücken zugewandt.
„Sofort,“ sagt er und kann das Lächeln, das sich auf ihrem Gesicht zeigt, nicht sehen.
Kapitel 2
Wie zu erwarten, sind alle Nachbarn der Einladung zu ihrer Einweihungsfeier gefolgt. Es war zu erwarten gewesen. Immerhin waren sie alle neugierig und es gehörte zum guten Ton, dass man eine derartige Einladung nicht ausschlug. Sie hatte die Liste der Bewohner des Miracle-Tower in ihrem Kopf gespeichert und mit jedem ankommenden Gast einen gedanklichen Haken gesetzt.
Die Gäste unterhalten sich gut, was sicher nicht nur an den teuren und erlesenen Speisen liegt, die der Catering-Service aufgetischt hat, denn die Gläser, die die Kellnerinnen durch die Räume tragen, müssen stetig mit neuen Getränken bestückt werden. Wenn es etwas umsonst gibt, wird ungeniert zugelangt, denkt sie bei sich. Ihr soll es egal sein. Was sie möchte, kann man mit keinem Geld der Welt kaufen, aber es erleichtert es ihr ungemein.
Sie schüttelt Hände und führt Smalltalk, wie es sich für eine gute Gastgeberin gehört. Immer wieder wird ihr versichert, wie froh man sei, so eine nette junge Frau als Nachbarin bekommen zu haben. Jedes Mal lächelt sie höflich und dankt. Im Stillen dankt sie Pater Francis dafür, dass er ihr beigebracht hat, wie man seine Emotionen hinter eine Maske aus Höflichkeit verstecken kann, so dass niemand seine wahren Gefühle erkennt.
„Kindchen,“ hört sie eine ältere weibliche Stimme hinter sich. Sie dreht sich herum und schaut in das Gesicht der Patronin des Towers. Felizitas von Berg steht kerzengerade vor ihr. Dennoch ist sie einen ganzen Kopf kleiner als sie. Ihre mittlerweile weißen Haare trägt sie zu einem strengen Dutt. Ihr ganzes Outfit zeugt von einer Strenge und Autorität, die nur wenige Menschen durch ihre bloße Anwesenheit ausstrahlen können. Das Lächeln, welches ihren Mund umspielt, ist so falsch wie die Brüste ihrer Tochter, die direkt neben ihr steht. Frau von Berg führt den Miracle-Tower wie ein kleines Königreich. Oder ist der Vergleich mit dem Paten von Francis Ford Coppola und Mario Puzzo angemessener?
„Kindchen,“ wiederholt Frau von Berg ihre Anrede, „erzählen Sie doch mal, woher stammen Sie?“
„Ich bin aus einem kleinen Dorf aus Frankreich hergezogen,“ antwortet sie vage. Doch die Patronin scheint zufrieden, denn sie nickt nur.
„Und was machen Sie beruflich?“ fragt sie und fährt, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „Wir sind hier nämlich eine ruhige Nachbarschaft, wissen Sie. Ich kann es nicht leiden, wenn hier mitten in der Nacht die Menschen kommen und gehen oder womöglich noch laut Musik einschalten.“
„Da brauchen Sie sich bei mir keine Sorgen zu machen,“ antwortet sie und die Patronin scheint zufrieden mit ihrer Antwort. Andere Gäste fordern ihre Aufmerksamkeit und so wird dieser Smalltalk ohne weitere Fragen beendet.
Kapitel 3
Erst gegen zwei Uhr in der Früh verlassen die letzten Gäste ihre Wohnung. Sie hilft dem Catering-Service noch aufzuräumen. Je schneller es erledigt ist, um so schneller hat sie ihre Wohnung wieder für sich. Unauffällig stellt sie eines der Sektgläser in ihren Küchenschrank. Keiner der Kellner bemerkt es. Sie sind alle zu beschäftigt oder zu müde. So bemerkt auch keiner beim Verladen der Kisten, dass eines der Gläser fehlt. Vielleicht ist aber auch immer mit Schwund zu rechnen.
Sie schließt die Tür hinter dem letzten Angestellten und lehnt ihre Stirn einen Moment gegen die kühle Tür. Einen kleinen Moment der Ruhe gönnt sie sich, bevor sie in ihr Schlafzimmer geht. Es scheint, als wäre niemand drin gewesen. Sie öffnet die oberste Schublade ihres Nachttisches und drückt einen Knopf an der inneren Oberseite des Nachttisches. In ihrem begehbaren Kleiderschrank ertönt ein leises Klicken. Sie geht hinein und die Wand mit den Schuhen gibt eine kleine Tür frei, durch die sie hindurchgeht. Hinter dem Schuhregal befindet sich ein kleines Zimmer, dass vor ihrem Einzug Teil des begehbaren Kleiderschrankes war. Keinem wird auffallen, dass er nun kleiner ist. Immerhin wirkt er mit all ihren Kleidern noch immer groß und ausreichend.
Das Zimmer hat kein Fenster und verfügt nur über eine nackte Glühbirne, doch das stört sie nicht. An der gegenüberliegenden Wand, welche die größte Wand ist, hängen Fotos von allen aktuellen und ehemaligen Bewohnern des Miracle-Towers der letzten 30 Jahre. Die Beziehungen zueinander wurden farblich markiert. Rote Linien zeigen familiäre Bindungen, blaue Linien zeigen Affären, gelbe Linien zeigen Freundschaften und grüne Linien zeigen verborgene Geheimnisse. Die ganze Wand ist mit bunten Linien überzogen. Alle Bewohner sind miteinander verbunden. Einige mit nur einer Linie, andere mit mehreren Linien.
An der Wand links befinden sich weitere Fotos. Es handelt sich um die Angestellten des Miracle-Towers. Sie nimmt ein Foto ab. Es zeigt einen Mann, der in ihrem Alter ist. Er trägt die Uniform des Portiers. Seine braunen Augen strahlen mit seinem Lächeln um die Wette. Seine braunen Haare sind etwas länger, als es sich für einen Portier gehört, aber es gefällt ihr. Zärtlich streicht sie mit einem Finger über das Foto, bevor sie es zurück an die Wand hängt. Neben jedem Foto stehen der jeweilige Name und persönliche Daten der Person.
Im Miracle-Tower gibt es zwei Portiers, zwei Liftboys und einen Hausmeister. Ein Portier und ein Liftboy starben in den letzten 30 Jahren und wurden durch jüngere ersetzt. Alle anderen sind noch immer im Dienst des Towers und damit eigentlich der Wohnungseigentümer, doch in Wirklichkeit sind sie alle nur Angestellte von Frau von Berg.






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