von Stefanie Grötzner

Kapitel 1

„Aber ich bin nicht genug,“ weint die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug.

„Wie kommst du denn nur darauf?“ fragt die gute Minna. Eigentlich heißt sie nur Minna, doch alle im Königreich nennen Sie die gute Minna, weil sie ein so gutes Herz hat. Obwohl sie schon immer in den Diensten des Königspaares steht, ist sie freundlich zu jedem Bewohner des Königreichs und hilft, wo es ihr möglich ist. Ihr ganzes Geld verschenkt sie. Sie sagt stets, dass sie Kleidung, Essen und Unterkunft von ihrem Arbeitgeber erhalte und mehr benötige sie nicht. Es gäbe genug Menschen, die kein Geld haben, um sich ein Brot zu kaufen und so gibt sie ihr Geld all jenen, die es nötiger haben als sie.

Die gute Minna ist seit der Geburt der kleinen Prinzessin Ichbinnichtgenug ihr Kindermädchen. Obwohl sie eine Prinzessin ist, nennt sie jeder die kleine Prinzessin, denn schon bei ihrer Geburt war sie viel kleiner als andere Kinder und die Königin hatte Angst, dass die kleine Prinzessin die ersten Tage nicht überleben würde, doch die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug ist nur klein. Sie ist stark wie jeder Ritter des Königreiches und genauso mutig.

Doch nun sitzt die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug auf dem Boden ihres Zimmers im Schlossturm und weint bitterlich, während sie immer wieder sagt: „Ich bin nicht genug.“

„Aber Prinzessin,“ versucht es die gute Minna erneut und streicht der kleinen Prinzessin Ichbinnichtgenug über den Rücken, „wie kommt ihr denn nur darauf?“

„Ich bin nicht genug,“ sagt die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug erneut, bevor sie fortfährt, „sieh´ dir die Familien überall im Königreich an. Es gibt immer mindestens zwei Kinder, meistens sogar drei oder vier. Doch ich, ich bin ein Einzelkind. Ich bin nicht genug. Jede Familie braucht mehr als ein Kind.“

Da schüttelt die gute Minna streng den Kopf: „Meine liebe Prinzessin Ichbinnichtgenug, wer sagt denn so etwas? Es gibt auch Familien ganz ohne Kinder. Und manchmal soll es nicht sein, dass es ein Kind oder mehr als ein Kind gibt. Deine Eltern lieben dich über alles und für diese bist du mehr als genug. Sie haben sich immer ein Kind gewünscht und je älter die Königin wurde, desto unwahrscheinlicher erschien es, dass sie auch nur ein einziges Kind haben würden. Es schien wie ein Wunder, als die Königin entdeckte, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Du bist mehr als genug, denn du bist mehr, als deine Eltern noch erwartet haben.“

Die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug schaut die gute Minna unter Tränen an und scheint abzuwägen, ob die gute Minna die Wahrheit sagt oder nicht. Doch die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug weiß, dass die gute Minna vieles tun würde, doch lügen, das würde sie nicht. Für ihre Eltern war die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug mehr als genug.

Kapitel 2

„Ich bin zu klein und deswegen nicht genug,“ weint die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug bitterlich.

„Was soll denn das bedeuten?“ fragt die Königin der Herzen ihre Tochter, während sie den Rücken der kleinen Prinzessen Ichbinnichtgenug sanft streichelt. Auch die Königin heißt nicht Königin der Herzen, doch das Volk nennt sie so, denn als der König sie zum ersten Mal dem Volk vorstellte, verloren die Bewohner ihr Herz an sie. Sie alle merkten, dass hinter der Schönheit der Königin nicht nur das Körperliche stand, sondern, dass die Königin von Herzen gut war und sich um jeden Einzelnen in ihrem Volk sorgen würde und das tut sie, seitdem sie Königin geworden ist.

Zum Leidwesen ihrer Wachen empfängt sie nicht nur jeden Bewohner ihres Königreichs im Schloss, sie geht auch jeden Sonntag auf den Markt.  Den Besuch nutzt sie nicht nur, um Waren einzukaufen, sondern auch, um Kontakt zu ihrem Volk zu haben. Sie möchte erfahren, was wirklich in ihrem Land vor sich geht und nicht nur, was ihr die Berichterstatter berichten. Die Königin wusste schon bevor sie Königin wurde, dass am Hof nur gute Dinge berichtet wurden, sodass der König nicht alles erfuhr, was in seinem Land vor sich ging. Dies verhindert die Königin, soweit sie kann.

„Ich bin nicht einmal halb so groß wie du,“ schluchzt die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug. „Wie kann ich eine Königin über ein so großes Volk werden, wenn ich selbst nicht einmal so groß bin wie ein normaler Mensch. Ich bin zu klein und deshalb nicht genug.“

Die Königin schaut in die verweinten Augen ihrer kleinen Tochter und streicht ihr sanft über die Wange. „Meine liebe Prinzessin Ichbinnichtgenug, es kommt nicht auf die Körpergröße an. Es gibt Menschen, die sind über zwei Meter groß und doch sind sie nicht in der Lage, eine Familie zu leiten und dann gibt es Menschen wie dich: Sie sind von kleiner Körpergröße, doch ihr Verstand ist größer als von den meisten anderen Menschen. Sie sind klug und weise und können Menschen und ganze Völker leiten.

Für eine Königin ist nicht wichtig, wie viel Meter sie misst, sondern was hier vorhanden ist,“ sagt die Königin und deutet auf das Herz der kleinen Prinzessin Ichbinnichtgenug, „und hier,“ fährt die Königin fort und deutet auf den Kopf der kleinen Prinzessin Ichbinnichtgenug. „Und wenn du dann das Herz und den Kopf in der richtigen Gewichtung einsetzt, dann bist du größer als viele der Herrscher, die dein Vater jeden Tag empfangen muss.

Wenn du ihnen zuhörst, wirst du sehen, dass Körpergröße nichts mit Herz und Verstand zu tun hat. Wie sagte dein Großvater immer zu mir: Wahre Größe kommt von innen!

Und wenn ich dich sehe, meine liebste Tochter Ichbinnichtgenug, dann weiß ich, dass er Recht hat.“

Die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug schaut ihre Mutter lange an, um zu sehen, ob sie die Wahrheit sagt, dabei ist die Prinzessin sicher: Ihre Mutter würde sie nie anlügen. Sie ist also doch genug.

Kapitel 3

Ich bin viel zu dünn und damit nicht genug,“ weint die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug.

„Aber wie kommst du denn darauf?“ fragt die Köchin Nachschlag, als die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug in der Küche steht und weint. Eigentlich heißt die Köchin nicht Nachschlag, doch den Spitznamen erhielt die Köchin schon vor der Geburt der kleinen Prinzessin Ichbinnichtgenug, denn die Köchin kochte so gut, dass jeder einen Nachschlag haben wollte. Die Köchin Nachschlag kochte daher nicht nur doppelt so viel Essen, wie sie normalerweise bräuchte, sie kochte so viel sie konnte und das Essen, das nicht gegessen wurde, verteilte sie unter den armen Menschen. Zuerst tat sie es heimlich, doch dann wurden die Lebensmittel, die ihr zur Verfügung gestellt wurden immer mehr und sie musste mehr kochen. Eines Tages stand die Königin in einem langen Mantel mit Kapuze neben der Köchin, als diese Suppe an die Armen verteilte. Das Lächeln der Königin sagte der Köchin, dass das Königspaar mit ihrem Vorgehen einverstanden war.

„Schau mich an,“ sagt die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug und zeigt auf ihren kleinen und dünnen Körper. „Ein Windstoß und ich falle um.“

„Aber meine kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug, jede Frau, die so ist wie ich,“ sagt die Köchin und zeigt auf ihren runden Bauch, den sie vom vielen Essen bekommen hat, „möchte so dünn sein wie du. Solange du genug isst und nicht hungerst, ist es egal, ob du dünn oder dick bist. Wenn du so dick bist wie ich, dann kannst du nicht mehr schnell laufen und jede Bewegung ist anstrengend.“

„Aber ich esse genug,“ sagt die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug.

„Das will ich meinen,“ sagt die Köchin Nachschlag und stellt einen großen Teller mit leckerer Erbsensuppe vor die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug. „Und ob man dick ist oder dünn, wichtig ist, was hier drin ist,“ sagt die Köchin Nachschlag und zeigt auf das Herz der kleinen Prinzessin Ichbinnichtgenug.

Komisch, denkt die kleine Prinzessin Ichbinnichtgenug, auch ihre Mutter, die Königin, hatte ihr gesagt, dass es auf ihr Herz ankäme und nicht auf ihren Körper. Die Köchin Nachschlag muss also recht haben.


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