von Stefanie Grötzner

Kapitel 1

Die Elfe Lítell wohnt eigentlich in Álfheimr, welches von den Menschen Albenheim oder Elfenheim genannt wird. Doch Lítell ist keine normale Elfe, sie möchte die Welt sehen und nicht ihr ganzes Leben in Álfheimr verbringen wie ihre Eltern.

Sie ist eine Lichtelfe und Lichtelfen können auf Lichtstreifen reiten und so über eine weite Strecke hinweg reisen. Wenn die Polarlichter leuchten, dann tanzen die Elfen darauf und feiern. Es ist so viel Licht um Álfheimr, dass sie hin und her springen können und für wenige Zeit ausgelassen sind. Das Leben als Lichtelfe ist nicht leicht. Es besteht darin, über die Menschen zu wachen und wer es verdient, dem wird Gutes geschehen. Hierfür muss aber im richtigen Moment ein Lichtstrahl in die Nähe desjenigen fallen, dem das Gute zuteil werden soll.

Je zwei Lichtelfe sind für einen bestimmten Bereich der Weltkugel zuständig und so müssen sie stetig wachsam sein. Kein Spaß und kein Vergnügen, nur die Welt im Blick behalten.

Auch die Erfüllung eines Auftrages bringt nicht viel Abwechslung. Die Elfe reist hin, erfüllt den Auftrag und reist wieder zurück. Keine Möglichkeit, die Welt zu sehen oder mit den Menschen zu sprechen. Sie sollen unsichtbar sein. Ihre Existenz soll den Menschen unbekannt sein.

Lítell ist nicht größer als ein Daumennagel. Obwohl sie aussieht wie ein Mädchen mit blonden, langen, wallenden Haaren, ist ihre Erscheinung doch durchsichtig. Sie ist eher eine schimmernde Erscheinung.

Sie trägt ein Kleid, das an eine umgekehrte Tulpenblüte erinnert. Es liegt an der Hüfte an und breitet sich dann nach unten hin aus. Die Blätter sind leicht geöffnet, so dass ihr Kleid unten weit genug ist, um zu laufen. Die Blüte ist rosa.

An ihren Füßen trägt sie blaue, samtene Schuhe und in ihrem Haar steckt eine blaue Blüte. Man muss ganz genau hinsehen, um Lítell überhaupt sehen zu können und die Blüte ist so klein, dass sie nur jemand sehen kann, den Lítell dicht genug an sich heranlässt. Lítell ist nicht dumm, sie weiß, dass die Welt der Menschen gefährlich sein kann. Noch wurde Lítell kein Bereich zugeteilt, daher beschließt sie, die Welt zu besuchen, bevor der Ernst des Lebens für sie beginnt.

Kapitel 2

Lítill packt ihren kleinen Beutel mit Kräutern, die sie brauchen könnte auf ihrer Reise. Ihren Eltern schreibt sie einen Zettel. Wie gerne würde sie sich persönlich von ihnen verabschieden, aber sie weiß, dass ihre Eltern ihr ausreden würden, Álfheimr zu verlassen. Es gab eine Geschichte, die den kleinen Elfen erzählt wurde, wenn sie fragten, warum sie Álfheimr nur verlassen sollten, um jeden Menschen, die es verdient haben, etwas Gutes zu tun.

Es soll einmal eine Elfe namens Luana gegeben haben: Luana wagte es, nach der Erfüllung nicht direkt nach Álfheimr zurückzukehren, sondern wollte noch etwas in der Menschenwelt bleiben. Sie wollte sehen, was die Menschen erleben, wenn sie nicht von den Elfen bewacht wurden. Luana verschwand nach nur einem Tag von der Bildfläche. Keiner der Überwachungssysteme der Elfen konnte sie mehr orten. Weder ihr Bild noch ihre Elfensignatur, die man sonst auf den Überwachungsbildschirmen sehen konnte, waren auffindbar.

Ein Sonderkommando von Elfen wurde eigens für die Aufgabe abgestellt, Luana aufzuspüren und zurück nach Álfheimr zu holen. Doch Luana blieb jahrzehntelang verschwunden, bis es schließlich Jahrhunderte wurden. Ihre Eltern verkümmerten über die Trauer, ihre einzige Tochter verloren zu haben und nicht zu wissen, was passiert war.

Lítill liebte die Geschichte über Luana. Die Geschichte erreichte jedoch nicht ihren Zweck, denn Luana wurde für Lítill eine Heldin. Eine Elfe, die sich nicht dem System beugte, sondern auszog, um die Welt zu erkunden. In ihrer kindlichen Phantasie malte sie sich die Abenteuer von Luana aus. Wie sie mit den Kindern der Menschen und Tiere spielte und Freunde fand.

Je älter Lítill wurde, desto stärker war ihr Wunsch, es Luana gleich zu tun. Lítill hat keine Angst, dass die Überwachungssysteme der Elfen sie nicht mehr finden könnten. Nur weil die Elfen etwas nicht orten können, hieß es nicht, dass es nicht da ist. Dieser Gedanke verstärkte sich, als eine Elfe von einem Auftrag berichtete, wo einer jungen Frau etwas Gutes getan werden sollte und die Elfen nicht sahen, dass die junge Frau schwanger war. Es war kein Problem, aber eine Überraschung für alle.

Die Elfen können nicht alles sehen, was auf der Welt passiert, und Lítill wollte die ganze Welt sehen. Ein letzter Blick auf ihr Zuhause lässt sie kurz in ihrer Entscheidung unsicher werden, doch dann scheint ein Lichtstrahl direkt durch das Fenster auf sie. Sie springt und lässt sich vom Licht davon tragen. Sie wird ihre Eltern wiedersehen, dessen ist sie sich sicher.

Kapitel 3

Lítill hält einen Arm nach außen, um ihre Reise zu verlangsamen. Der Nachteil am Reisen auf Lichtstrahlen ist, dass es keine Haltestelle gibt, wo man einfach aussteigen kann. Die Elfen müssen mit ihren Händen etwas greifen, um anzuhalten. Lítill fühlt etwas Kaltes und Hartes an der Hand und greift zu. Sie wird aus dem Lichtstrahl herausgezogen und klammert sich an das Ding, dass sie eben spürte. Sie schaut sich um. Sie befindet sich über 300 Meter über dem Erdboden und hat einen phantastischen Blick über die Stadt, in der sie gelandet ist.

Sie schaut hinunter auf die Erde. Lítill klammert sich an einen Turm aus Eisen. Es dauert einen Moment, bis sie aus dieser Position erkennt, wo sie ist. Sie sitzt auf der Spitze des Eiffelturms. Sie ist in Paris, die Stadt der Mode und der Liebe.

Lítill kann den Triumphbogen sehen, den Louvre, die Seine und die Champs Elysee. Aus dieser Entfernung sehen die Menschen und Fahrzeuge wie kleine Legofiguren aus. Soweit sie sehen kann, sind die Straßen voll mit Fahrzeugen und Menschen. Sie wirft einen letzten Blick über die vielen Straßen, Gebäude, Autos und Menschen, bevor sie sich auf eine Rutschpartie begibt.

Lítill springt in die Höhe und rutscht an einem der Pfeiler hinab. Bei den zwei Plattformen muss sie die Füße auf den Pfeiler stellen und sich von dem Eisen abdrücken, so dass sie nicht unbeabsichtigt aus ihrer Bahn herauskatapultiert wird.

Kurz bevor sie den Boden erreicht, stößt sie sich noch einmal vom Pfeiler ab. Sie macht drei Rollen um die eigene Achse, bis sie in einem Rucksack landet. Er ist nicht ganz zu, so dass sie in der kleinen Ecke landet. Lítill legt die Arme auf den Rand des Rucksacks und wird so unbemerkt von dem kleinen Mädchen getragen, das den Rucksack trägt.

„Fleur, nun komm endlich,“ ruft eine weibliche Stimme und Lítill wird ordentlich durchgeschüttelt, als das kleine Mädchen zu rennen beginnt. Lítill versucht sie festzuhalten, doch die Erschütterung ist zu stark. Sie wird in dem Rucksack geschüttelt. Zwischen Büchern, Plastikdosen und Plastikflaschen versucht Lítill, sich zu schützen, um keine großen Verletzungen zu bekommen. Schließlich wird es ruhiger. Der Rucksack wackelt zwar noch, aber nur noch hin und her, nicht mehr auf und ab. Lítill sucht sich einen Platz auf einer der Plastikdosen und wartet, bis sie dort ankommen, wo Fleur hingeht.


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