von Stefanie Grötzner

Kapitel 1

Wie ließe sich Hildegard beschreiben? Nun, sie war nicht die hübscheste und schlankste ihrer Art. Hildegard war auch nicht besonders klug, aber Hildegard war mit sich und der Welt im Reinen.

Sie störte sich nicht daran, dass ihre Flügel eher breit und rund waren, auch wenn die anderen Möwen mit ihren schmalen, spitzen Flügeln angaben. Ihr Oberschnabel war nicht weit genug nach unten gekrümmt, sagten die anderen. Doch auch das war Hildegard egal.

Sie saß, wie so oft im Sommer mit ihrem weiß-grauen Gefieder auf einem Pfosten im Meer und blickte auf den Strand. Ihr Kopf war schwarz gefärbt und zog die Sonne an. Selbiges galt für die schwarzen Streifen auf ihrem Rücken und den Flügeln. Hin und wieder, wenn die Brise zu kalt wurde, breitete sie die Flügel aus und wärmte sich auf.

Hildegard tat alles auf ihre Weise und das war gut so, denn sonst wäre Hildegard nur eine Möwe von vielen und nicht Hildegard.

Während alle anderen Möwen auf das Meer und das Wasser achteten, um nach Nahrung Ausschau zu halten, beobachtete Hildegard den Strand. Hildegard hatte in ihrem langen Leben, immerhin war sie schon 4 Jahre alt, gelernt, dass die Menschen am Strand unachtsam waren. Sie musste nur auf den richtigen Moment warten, dann würde für sie etwas Leckeres einfach zu haben sein.

Gleich wird sich herausstellen, ob der Mutter ihre Pommes frites mit – ist das Mayonnaise?? – wichtiger sind als ihr Kind. Der kleine Wurm war vielleicht 1 Jahr alt und krabbelte unerschrocken auf das Wasser zu. Das Alter der Mutter kann Hildegard nicht schätzen. Sie trägt einen großen Sonnenhut und eine große Sonnenbrille, die ihr Gesicht verbergen. Um ihren voluminösen Körper hat sie sich ein Tuch gebunden, das im Wind weht.

Sie steckt den Pieker in eine Pommes frites. Hildegard beobachtet sie genau. Ihre Augen fokussieren den Pieker. Wird die Frau den Pommes frites essen oder fällt er vielleicht hinunter? Dann muss es schnell gehen. Hildegard ist zwar eine Möwe, doch auch sie hasst Pommes frites mit Sandgeschmack.

Der Pieker bewegt sich nicht. Hildegard erfasst das ganze Bild. Erschrocken stellt die Frau die Pappe mit den Pommes frites ab und rennt zum Wasser, wo ihr Baby gleich das Meer erreicht. So schnell sie kann, fliegt Hildegard von ihrem Beobachtungsposten über das Meer und den Strand. Sie krallt ihre Füße in die Pappe und fliegt mit ihrem Mittagessen davon.

Kapitel 2

Hildegard ist genervt von dem ganzen Tag in der Möwenkolonie. Klar, es ist immer irgendetwas los. Immerhin sitzen hier immer um die 150 Tiere an einem Platz, aber heute ist es besonders schlimm. Die Heringsmöwen kehren aus dem Süden zurück. Hildegard hasst diese Tage. Alles schnattert durcheinander und es ist unerträglich laut. Hildegard mag es lieber ruhig. Außerdem beachten die Menschen am Strand die Möwen mehr, wenn es laut bei ihnen ist. Wenn die Möwen nur ruhig auf dem Wasser sitzen, werden sie weniger beachtet. Das Stück Pizza in der Hand des dicken Mannes tropft in den Sand. Wie gerne würde Hildegard sich dieses Stück schnappen, aber der Mann schaut direkt in ihre Richtung, während er sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund steckt. Immer mehr der leckeren Pizza verschwindet. Hildegard kann die Salami schon fast auf der Zunge schmecken. Böse schaut sie sich um, doch keine der anderen Möwen beachtet sie. Das Geschnatter geht weiter.

Auf dem Pfosten neben Hildegard landet eine Heringsmöwe. Aus dem Augenwinkel taxiert Hildegard den Störenfried. Am Gefieder erkennt sie, dass es sich um eine junge Heringsmöwe handelt. Er hat noch nicht sein Erwachsenengefieder. Also ist er nicht einmal 4 Jahre alt.

„Nicht beachten,“ sagt sich Hildegard. „Einfach ignorieren, dann wird er wieder gehen.”

„Hallo,“ ruft der Störenfried aus.

„Nicht reagieren,“ sagt sich Hildegard.

„Ich bin Herrmann.“ Hildegard stößt einen tiefen Seufzer aus. Wieso lässt der nicht locker? „Wie heißt du?“

Leider hat ihre Mutter sie gut erzogen und Hildegard weiß, dass man auf eine Frage antworten muss.

„Hildegard,“ gibt sie mürrisch zurück. Vielleicht gibt er auf, wenn er merkt, dass sie kein Interesse an einem Gespräch hat. Der letzte Bissen Pizza verschwindet im Mund des dicken Mannes. Hildegard schließt kurz die Augen, um eine Träne zu unterdrücken. Wie gerne hätte sie eine Pizza gegessen.

„Hildega ahrd, willst du meine Freundin sein,“ fragt Herrmann.

„Ich brauche keine Freunde,“ gibt Hildegard zurück. Sie hatte noch nie einen Freund. Wozu braucht eine Möwe einen Freund?

„Aber ohne Freunde ist das Leben nicht lebenswert,“ sagt Herrmann.

„Wer sagt das?“ gibt Hildegard schnippisch zurück.

„Ich werde es dir beweisen,“ sagt Herrmann.

Herrmann breitet seine Flügel aus und gleitet über das Meer hinweg. Endlich Ruhe, denkt Hildegard. Was für ein komischer Kauz.

Zu früh gefreut, schon setzt Herrmann wieder zum Landeanflug an. Hildegard traut ihren Augen kaum, Herrmann trägt ein Stück Salamipizza im Schnabel.

„Freunde braucht man zum Teilen,“ sagt Herrmann mit vollem Mund und hält das Stück Pizza so, dass Hildegard abbeißen kann. Hildegard hat ihren ersten Freund gefunden.

Kapitel 3

Hildegard und Herrmann genießen die ersten Sonnenstrahlen. Wie jeden Tag sitzen sie auf ihren Holzpfosten im Meer. Sie blicken auf den menschenleeren Strand.

Das Rauschen der Wellen gehört zu ihrem Leben.

„Hildega ard?“ fragt Herrmann, „was machen wir heute?“

„Hildega ard,“ äffen andere Möwen Herrmann nach und lachen. „Hildega ard,“ rufen sie immer wieder.

Herrmann kann Hildegard nicht aussprechen. Warum das so ist, wissen weder er noch Hildegard. Aber seit Herrmann ihr ein Stück Pizza geschenkt hat, mag sie ihn. Er ist mittlerweile ruhig und nett. Sie kann stundenlang neben ihm sitzen und die Ruhe genießen. Herrmann mag aber genau wie Hildegard keinen Fisch, sondern lieber Essen, das die Menschen mit an den Strand bringen.

„Ignorieren,“ flüstert Hildegard Herrmann zu.

Tapfer bleibt Herrmann auf seinem Holzpfosten stehen und verzieht keine Miene. Nur wer ihn genau beobachtet sieht die Träne, die sich langsam in seinem rechten Auge bildet.

Die stänkernden Möwen fliegen zum Strand. Wie jeden Morgen wollen sie im seichten Wasser nach etwas zum Essen suchen. Hildegard und Herrmann beteiligen sich nie an dieser Art der Nahrungsbeschaffung. Bevor die letzten Menschen den Strand verlassen, starten sie ihre letzten großen Raubzüge und sammeln so viel Essen, wie sie bekommen können.

„Herrmann,“ sagt Hildegard, „du darfst dir das nicht zu Herzen nehmen. Sie sind eben dumm und irgendwann wird das Karma dafür sorgen, dass ihnen eine Strafe zuteil wird.“

Verstohlen wischt sich Herrmann die Träne aus dem Augenwinkel, bevor Hildegard sie sieht. Herrmann weiß, dass Hildegard recht hat. Aber es tut weh, wenn die anderen Möwen sich über ihn lustig machen. Sein ganzes Leben war das schon so. Um so glücklicher war er, dass er Hildegard gefunden hatte. Sie sprach nicht viel, aber er genoss ihre Gesellschaft. Er war nicht mehr allein auf der Welt. Sie verspottete ihn nicht und zusammen hatten sie auf ihren Nahrungsmittelbeschaffungsflügen eine Menge Spaß.

Hildegard und Herrmann beobachteten schweigend, wie die anderen Möwen durch das seichte Wasser watschelten. Sie sind so auf den Boden fixiert, dass sie das Meer um sich herum vergessen. Eine große Welle bricht über ihnen. Sie alle werden von ihren Füßen gerissen. Selbst auf die Entfernung hören Hildegard und Herrmann die Möwen schimpfen und zetern. Dann erwischte die Möwen die zweite Welle genauso unvorbereitet wie die erste Welle. Hildegard und Herrmann brechen in schallendes Gelächter aus. Da erwischt die gemeinen Möwen auch noch eine dritte Welle.

„Siehst du,“ sagt Hildegard, „jeder bekommt seine gerechte Strafe.“

Hildegard, die Möwe und ihre Abenteuer gibt es überall im Buchhandel und online.


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